Die Expansion der Normannen

Wenn man sich ein wenig mit irischer Geschichte befasst und sich nicht nur auf die Kelten versteift, dann fällt natürlich irgendwann auf, dass die Nordmänner, die Normannen, einen nicht unerheblichen Einfluss auf Irland hatten.

Viele Städte und Städtenamen, Ortsbezeichnungen usw. rühren noch aus dieser Zeit. Die Reste von Rundtürmen u.ä. zeugen von der Expansion der Nordmänner auf die Grüne Insel.

Da ich offen gestanden keine große Lust habe, mich auch noch in die nordische Geschichte zu vertiefen, habe ich jemanden gefragt, der sich damit schon lange befasst und ein dementsprechend großes Hintergrundwissen hat.

Der Text über die Expansion wurde mir mit freundlicher Genehmigung von Samson zur Verfügung gestellt, dem ich an dieser Stelle dafür herzlich danke.

thor

 



Haben Wikinger und Kelten etwas gemeinsam?

Tja, bei Betrachtung der irischen Landkarte und der irischen Geschichte sowie der Geschichte der Shetland- und Orkneyinseln, der äußeren Hebriden und Nordenglands sowie Wales, ist dies durchaus zu bejahen. Das "Stammland" (zumindest glauben sehr viele, das es das ist, was allerdings nicht den Tatsachen entspricht !) der Kelten ist weitaus mehr von den nordischen Invasoren geprägt worden, als viele dies wissen. Gerade in Irland waren die Verhältnisse, welche die Wikinger vorfanden, so verschieden von dem, was sie von zu Hause kannten. Sitten und Gebräuchen, in sprachlicher als auch sozialer Hinsicht, hatten eine ganz andere Prägung. Gerade aber dadurch wurde Erainns Geschichte zur buntesten, merkwürdigsten und faszinierendsten Facette der Wikingerzeit.

Doch betrachten wir zunächst den wikingischen Siedlungsraum auf der grünen Insel.
Von den Wikingern gegründete Städte, Siedlungen und Handelsplätze: Dublin (841 bis 902 und 920 - 1100), Wicklow, Wexford, Waterford, Cork, Smerwick und Limerick, gegründet durch norwegische Wikinger.

Nach archäologischen Funden bilden diese Siedlungen die ersten wirklichen Städte Irlands. Die keltisch-irische Bevölkerung bestritt ihren Lebensunterhalt zum allergrößten Teil mit Viehzucht und Ackerbau. Handwerk und Handel gab es nur in unmittelbarer Nähe der großen Klöster, die zwar in den irischen Annalen gerne als 'Städte' bezeichnet werden, dies aber nie waren. Vielmehr handelte es sich dabei um weit verstreute Ansammlungen von Gehöften, die zum Einflussbereich der Klöster gehörten. Nur in diesen Bereichen konnte sich keltische Handwerkskunst behaupten, da Infrastruktur und Versorgung gewährleistet waren. Doch die Klöster waren in erster Linie für Glaubensfragen zuständig und nicht für Handwerk und Handel. Dies mag, mit Blick auf den hohen Kulturstand der Festlandkelten verwundern, doch klafft zwischen dem hohen Niveau der Festlandkelten und dem der keltischen Bevölkerung in Irland um 850 eine derzeit schlecht erklärbare Kluft, ein ungeklärter Wissensverlust.

Die durch die Wikinger gegründeten Siedlungen waren jedoch reine Handelszentren. Gebaut nach den bekannten Strukturen, wie wir sie von den großen Siedlungen in Norwegen, Dänemark und Schweden, aber auch aus dem Bereich des “Danelag” in Mittelengland (z.B. York) kennen. Ungeklärt ist aus archäologischer Sicht noch, wie stark sich die Wikinger von den Küstenbereichen ins Landesinnere ausbreiteten. Bekannt ist, das sie sich Einheimischer bei der Errichtung von Gebäuden bedienten, wenn sich diese weiter im Landesinneren befanden. Daraus ergibt sich häufig die Unklärbarkeit, ob nun ein Hof durch die Wikinger oder durch die Iren genutzt wurde. Zweifelsfrei konnte dies nur vereinzelt nachgewiesen werden. Durch den ausgiebigen Handel mit der irischen Bevölkerung finden sich im gesamten Süd- und Mittelirland reichlich Funde von Münzen, Schmuck- und Gebrauchsgegenständen, die nordischer Herkunft sind. Durch den angeregten Handel kam es zwangsläufig zu einer Anlehnung beider Kulturen. Hier entstand ein interessantes Geflecht. Während einerseits die Iren kulturelle Eigenarten der Nordvölker übernahmen (heidnische Glaubensansichten, Übernahme von Teilen der künstlerischen 'Stile', Lebensweisen, Handwerkskunst), kam es umgekehrt ebenfalls zur Übernahme von neuen Einflüssen. Die Wikinger übernahmen zum Teil den in Irland zu dieser Zeit bereits stark gefestigten christlichen Glauben, andererseits fanden bei den heidnisch gebliebenen Nordmännern auch Ansichten des alten irischen (keltischen) Glaubens Einfluss. Auch in der Kunst der Wikinger lassen sich keltische Einflüsse nachweisen und zwar im sog. Ringerike Stil ( auch als Winchester-Stil bekannt), der allerdings häufiger in Südengland anzutreffen ist (Anglo-skandinavische Stilformen). Diese Stilform wurde auch sehr häufig in Gotland/Schweden gefunden, was den Schluss zulässt, dass außer Dänen und Norwegern auch eine nicht unbedeutende Zahl schwedischer Söldner/Händler in Irland unterwegs waren.

Die Wikinger in Irland lebten also alles andere als isoliert von den Iren und es ist daher unvorstellbar, dass es nicht auch zu einer Vermischung von Iren und Wikingern im Laufe der 300 Jahre nordischer Besiedlung in Irland kam. Dass es während dieser Zeitspanne auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den nordischen Invasoren und den Iren kam (z. B. Schlacht bei Tara), kann grundsätzlich nicht als dauernde Feindschaft zwischen beiden 'Völkern' gerechnet werden. Dafür geben die Annalen keine Anhaltspunkte und dies würde den derzeit bekannten Forschungsergebnissen auch zuwiderlaufen. Immerhin bekriegten sich die Wikinger in Irland auch untereinander, aber 300 Jahre sind eine lange Zeit. Bei ca. 60 Jahren Lebenserwartung ergeben sich da ziemlich viele persönliche und wirtschaftliche Interessen und die damit verbundenen Händel, die schon eine halbe Generation später in engen freundschaftlichen Kontakten enden konnten, wurden oftmals durch einen Ehebund untermauert.

Der Siedlungsraum der Wikinger auf den 'keltischen' Inseln'(Erläuterung des Wortes 'keltisch' im ethnologischen und archäologischen Zusammenhang: Zu den Kelten werden die Volksgruppen der Iren, der Schotten, der Pikten und der Nordbriten gezählt, wenn es um den britischen Lebensraum der Kelten geht).

Hierzu zählen die drei bereits oben genannten Inselgruppen und im Besonderen die Isle of Man. Auf den Shetlandinseln haben wir eine sehr hohe Konzentration von Ortsnamen, die auf nordische Namensgebung hinweisen. Insgesamt sind 4 große Handelszentren belegt. Das Bekannteste ist 'Jarlshof'. Grob betrachtet kann man die Shetlands für die Zeit der Wikingerstürme als norwegische Kolonie bezeichnen. Es wird als erwiesen betrachtet, dass die Urbevölkerung in der nordischen Bevölkerung aufging, d. h. die heutige Bevölkerung der Shetlands ist weder 'keltisch' noch 'nordisch', sondern hat seine Wurzeln in beiden Volksgruppen. Auf den äußeren Hebriden haben wir ein abgeschwächtes Bild der Shetlands, besonders heftig wird es aber bei den Orkneys. Die Inselgruppe ist wesentlich kleiner als die beiden vorgenannten, hier finden sich aber insgesamt acht große Handelszentren der Wikinger. Fast alle Ortsnamen und Geländebezeichnungen reichen auf diese Zeit der Besiedlung zurück und wurden zu späterer Zeit teilweise noch nicht einmal an die vorherrschende gälische oder englische Sprache angepasst. Hier war der Einfluss der Wikinger so stark, dass er das 'Keltische' aufsog wie ein trockener Schwamm. Die Orkneys sind, auch heute noch sichtbar, 'skandinavisiert' worden. Wenn aber das eine in das andere aufgeht entsteht meist etwas Neues.

Einen Sonderfall stellt die Isle of Man dar. Gemeinhin als die Insel der Druiden bekannt, ist mittlerweile doch erwiesen, dass die vorwikingische Bevölkerung bereits extrem stark christianisiert war. Dies führte in der Anfangszeit der Besiedlung durch die Nordmänner zu heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen. Im nachfolgenden Verlauf muss hier eine Christianisierung der Wikinger eingesetzt haben. Ersichtlich ist dies daraus, dass auf der Isle Runensteine stehen, die christlichen Inhalt in lateinischer Sprache tragen! Dennoch scheint es zu einer fast völligen Verdrängung der Urbevölkerung gekommen zu sein. Auch auf der Isle of Man wird dies durch die Ortsnamen belegt. Interessanterweise scheint die Isle of Man im letzten Jahrhundert der wikingischen Besiedelung jedoch trotz allem ein Ort der Koexistenz aller drei Religionen gewesen zu sein. Die Einflüsse der jeweils anderen beiden finden sich in den Überlieferungen der Isle of Man aus dieser Zeit (mündlich und schriftlich) in allen dreien. Hier sei vor allem auch noch die der Isle of Man vorgelagerte St. Patrick´s Isle erwähnt. In spätnordischer Zeit wurde hier die Diözese von Sondr und Man, die dem Erzbistum Nidaros (später Trondheim) in Norwegen unterstellt war. Auf dem dortigen Friedhof wurden frühchristliche Wikingergräber gefunden, die noch typische heidnische Begräbnisriten beinhalten, wie z.B. die Beigabe von Grabwaffen. Bemerkenswert an der Geschichte der Isle of Man ist, dass diese noch im Jahre 1905 eine Verfassung hatte, deren Wurzeln norwegischen Ursprungs sind.

© by Samson, 2001