Das große Rad

A' Chuibhle Mór - Das große Rad

 

Wir leben in einer modernen Welt.
Anders als die alten Kelten, die den Unbilden des Winterwetters nur das Herdfeuer entgegenzusetzen hatten, haben wir heute Wärmeisolierung, Zentralheizung und Thermostat. Wenn wir die Raumtemperatur etwas senken wollen, kippen wir kurz das Fenster, ansonsten regeln wir mit einem Handgriff die Heizung höher. Hat es im Sommer einmal 35 Grad, läuft in den Bürotürmen der Großstädte statt der Heizung die Klimaanlage. Auch hell und dunkel lassen sich regeln:
Ist es dunkel, genügt ein Griff an den Lichtschalter und schon erstrahlt der Raum in taghellem, künstlichen Licht. Ist es dagegen zu hell, rasselt die Jalousie herunter und sperrt die Sonnenstrahlen aus. Sogar "Höhensonnen" gibt es.



Sind die Jahreszeiten überflüssig geworden? Ist die künstliche Sonne nicht schon erfunden?

Sicher möchte heute keiner mehr im Schein eines flackernden Kienspanes seine Tätigkeit verrichten oder im Schneesturm mit einer Fackel in der Hand vor dem Wagen herlaufen. Manche technischen Neuerungen haben durchaus ihren Sinn!

Durch den breiten Einsatz der Technik droht aber eines verloren zu gehen: Das Bewusstsein für den Kreislauf der Natur.

Wenn wir die Natur betrachten, ist sie aus vielen unterschiedlichen Zyklen zusammengesetzt, Kreisläufen, die sich gegenseitig regeln und beeinflussen. Deswegen ist im Weltbild der Naturphilosophie der Kreis die absolut grundlegende Figur. Beispielsweise kann man einen Tag als kleinen Kreis betrachten: Die Sonne geht auf, es wird Mittag, die Abenddämmerung setzt ein und dann senkt sich das Dunkel der Nacht. Und der Kreis beginnt von vorn. Selbstverständlich bildet auch das Jahr einen Kreis, denn alljährlich wiederholen sich dieselben Naturvorgänge.
Nach der Auffassung der Kelten verläuft auch das menschliche Leben kreisförmig. Er beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Da die Kelten an Wiedergeburt glaubten, war der Tod nur eine Unterbrechung zwischen zwei Lebenskreisen.

Zur Standortbestimmung eines Menschen, um nicht das vielbenutzte Wort "Selbstfindung" zu benutzen, ist es erforderlich, seine Position innerhalb all dieser Zyklen zu erkennen. Je mehr der Mensch sich diese Zyklen bewusst macht, ja mit ihnen lebt, desto leichter und schneller gelingt das.

Denn wenn wir uns ehrlich sind, sind wir immer noch den Jahreszeiten unterworfen. Denken wir an die Erkältungszeit! Selbst wenn wir im klimatisierten Büro arbeiten, rutschen wir danach auf eisigen Straßen mit dem Auto nach Hause oder stapfen durch den Schnee. Im Sommer gehen wir vielleicht einmal zum Baden, machen eine Radtour und sind insgesamt einfach mehr im Freien als im Winter. Die positiven Auswirkungen des Sonnenlichts auf die menschliche Psyche sind bereits wissenschaftlich belegt, genauso wie die latente Depression, die einem nasskalten Novembertag innewohnt.
Es ist ganz unbestritten, dass sich aus den Veränderungen der Jahreszeiten Auswirkungen auf das Befinden des Menschen ergeben. Und auch den positiven und negativen Seiten des Alterns wirken sich immer noch spürbar aus und auch alle anderen kleinen und großen Kreisläufe sind immer noch da.

Idealerweise ist sich ein Mensch an jedem Tag seiner Position im Jahreskreis bewusst, er nimmt die Natur wahr, die sanften Veränderungen an jedem Tag, die länger oder kürzer werdenden Tage. Dies ist aber nicht so einfach! Zum einen sind Veränderungen in der Natur aufgrund ihrer allmählichen und fließenden Art erst in größeren Zeiträumen zu bemerken. Zum anderen geht das menschliche Bewusstsein im der relativen Gleichförmigkeit des modernen Alltags gern über Dinge hinweg, weil sie nicht prägnant genug erscheinen, um sich damit zu beschäftigen. Damit die Seele so richtig etwas mitbekommt, muss man ihr etwas Einprägsames geben: Diesem Zweck dienen (u.a.) Rituale und Feste.

Sich mit dem Jahreskreis, den Veränderungen der Natur und ihrer Kräfte, an ausgewählten (Fest-)Tagen im Jahr vertraut zu machen: Genau das ist der Sinn des keltischen Jahresritualkreises.



Warum gerade ein keltischer Jahreskreis?

Die Kelten sind in der Frühgeschichte Mitteleuropas die erste Kultur, die archäologisch und geschichtlich einigermaßen greifbar wird. Zunächst in Mitteleuropa ("keltisches Kernland") ansässig, expandierten die Kelten in alle Richtungen, insbesondere auch auf die Britischen Inseln und nach Irland. Ohne dass die keltischen Stämme eine zentrale Regierungsgewalt gehabt hätten, kann man doch davon sprechen, dass Europa zur Keltenzeit erstmals so etwas wie eine gemeinsame Kultur besessen hat. Manches davon ist noch heute spürbar, wie später bei der Beschreibung der Jahreskreisfeste zu sehen sein wird.

Mit der Eroberung und Besetzung Mitteleuropas durch die Römer endete die Hochphase der keltischen Kultur hier. Der römische Einfluss in Großbritannien war indes nicht so stark. Gewisse Landesteile wie Schottland nördlich des Hadrianswalles wurden nicht besetzt. Irland kam überhaupt nie unter römische Herrschaft.

Mit Einführung des Christentums kam auch die Schrift nach Irland und die ersten Mönche, die noch in hohem Maße in der vorchristlichen Tradition ihres Landes verhaftet waren, begannen alles mögliche aufzuzeichnen, auch Bestandteile ihrer Kultur wie den Jahreskreis. Auf diese Art ist uns der Jahreskreis überliefert worden, sofern seine Feste, stellenweise christlich überlagert, nicht sowieso im lokalen Brauchtum europäischer Völker bis heute überlebt haben.

Aus diesen Aufzeichnungen ersehen wir u.a., dass das Leben der Kelten von einer tiefen Spiritualität geprägt war, die in Europa ihresgleichen sucht. Gleichzeitig lebten die alten Kelten im Einklang mit der Natur und waren durchdrungen von dem Bewusstsein, dass die Natur als von Gott Erschaffenes Rückschlüsse zulässt auf die Natur Gottes selbst. Der Heilige Columba hat sinngemäß gesagt: Wenn du den Schöpfer begreifen willst, begreife erst das Erschaffene.
Die Kelten waren davon überzeugt, dass alles in der Natur vom Göttlichen durchdrungen ist und dass somit das Studium der Natur auch etwas über die Natur des Göttlichen verraten wird.
Der keltische Jahreskreis ist ein Werkzeug zu diesem Studium der Natur. Und weil sich viele von uns nach einer stärkeren Verbindung mit der Natur sehnen und gleichzeitig auch nach spirituellem Tiefgang verlangen, ist der keltische Jahreskreis heute wieder so interessant.